Jusuf Naoum - Settelmeyer

Jusuf Naoum kennt unendlich viele Geschichten und erzählt sie in schier endloser Folge ineinander verschlungen seinem Publikum. In seinem neuen Programm "Orientexpress", erzählt Jusuf Naoum alias "Abu el Abed", Geschichten aus dem Orient, wie er nach Deutschland kam, was er bei einem Münchner Bierfest erlebte, wie er in einem Hühnerlokal arbeitete, bei Intellektuellen zu Besuch war...

Jusuf Naoum, der einzige Kaffeehausgeschichtenerzähler Deutschlands, ist einer der humorvollsten Erzähler überhaupt. Auf wunderbare Weise kontrastieren bei ihm die traditionelle Erzählweise und Geschichten, die direkt in der Gegenwart seiner Zuhörer und Zuhörerinnen angesiedelt sind. Einzigartig auch seine Zusammenarbeit mit dem Percussionisten Bernd Settelmeyer. Im Spannungsfeld von orientalischer Erzählkunst, die mit Percussions-Musik verwoben wird, erlebt das Publikum eine ausgefeilte Collage voller Poesie, Humor und ungeahnter Pointen, die Jusuf Naoum mit blitzenden Augen aus der Luft zu zaubern scheint.

Jusuf Naoum wurde 1941 in El Mina, Tripoli, im Libanon geboren und kam 1964 nach Deutschland. Er arbeitete als Kellner, als Masseur und fing parallel an zu schreiben. Seit 1983 lebt er als freier Schriftsteller und Kaffeehausgeschichtenerzähler in der Nähe von Frankfurt. Neben Büchern schrieb er auch zahlreiche Hörspiele und ein Fernsehspiel für den Rundfunk.

26.01.10, Nürnberger Zeitung

Geschichtenerzähler: Frauenkirche wird zum Kaffeehaus

Die Frauenkirche, in warmes Licht getaucht und an diesem letzten Samstagabend ganz anders: In der Mitte arabische Sitzkissen auf den Stufen unterhalb des Altars, filigran gearbeitete Kannen, dazu die typisch henkellosen Tässchen auf einem verzierten, getriebenen metallenen Tablett. Buntes Licht aus orientalischen Leuchten, Kerzen, eine übergroße Wasserpfeife und die absonderlichsten Instrumente. Kaffeehausstimmung inmitten der Kirche.

Jusuf Naoum, Schriftsteller und der wohl einzige Kaffeehausgeschichtenerzähler Deutschlands, brachte märchenhafte und humoristisch-kritische Geschichten im Stile einer alten arabischen Tradition dar, die hier zu Lande wahrscheinlich eher unbekannt ist. Lange bevor Radio und Fernsehen auch die hintersten Winkel eroberten, unterhielten Erzähler in den Kaffeehäusern die Menschen. Brücken zwischen Orient und Okzident Seit 20 Jahren mache er das nun, erzählte Jusuf Naoum zur Einleitung, und erklärt, wie wichtig so ein Geschichtenerzähler war. Aber auch heute noch ist: In dem Moment des Erzählens möchte er eine Brücke schlagen zwischen Orient und Okzident, führt er dem Zuhörer – stets mit einem lachenden Auge – die kleinen Unzulänglichkeiten der beiden unterschiedlichen Kulturkreise und ihrer Protagonisten vor. Begleitet wurde er von Bernd Settelmeyer, einem Stuttgarter Percussion- und Schlagzeugkünstler, der immer passend, stets unaufdringlich eingängig, Naoums Erzählungen und Witze, Geschichten und Anekdoten musikalisch unterstütze. Ob mit einer vietnamesischen Tempeltrommel, Gamelan-Metallophonen aus Bali, einer Schlitztrommel, einem Waterphone aus den psychedelischen Sechzigern – aber auch mit Schlagzeug oder Steeldrum; er erzeugte unbeschreibliche Klänge zwischen Aufregung und Träumerei. Über 130 Besucher waren in die Frauenkirche gekommen, ließen sich in eine Welt voller pointierter Unstimmigkeiten entführen. Typisch für Kaffeehauserzähler, deren Geschichten – wie Naoum erklärte – stets ihre eigene Zeit zum Inhalt hatten, spielten seine Erzählungen doch nicht in der Vergangenheit von Tausendundeiner Nacht, sondern zwischen Berlin, Beirut und München der Moderne. Er touchierte Krieg und deutsche Geselligkeit, arabische Gesellschaftskritik, die für viele so absonderlich anmutende Tierliebe in unserem Land. Und das mit Kraft und Sympathie, die ihresgleichen sucht. Jusuf Naoum und Bernd Settelmeyer wussten von Anfang an zu begeistern. Nachdenklichkeit und Schmunzeln machte sich in den Reihen breit, aber auch herzhaftes Lachen. Die Frauenkirche als wunderbarer Ort der Begegnung zwischen Menschen und Kulturen, voller Phantasie und Wahrheit. Organisiert von Maureen Mekari im Zusammenhang mit einem Projekt von St. Elisabeth und der Frauenkirche, aus dem auch eine Sozialstation im Libanon unterstützt wird. Es war ein wahrlich gelungener Auftakt für weitere Veranstaltungen zum interkulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident.

Jan Christgau